Ist KI eine Bedrohung für den Übersetzerberuf?

18. 3. 2024

Seit einigen Jahren erlebt die Welt der Übersetzung eine Transformation, die durch die Entwicklung und Integration von künstlicher Intelligenz in den Übersetzungsprozess vorangetrieben wird. Algorithmen des maschinellen Lernens und neuronale Netze ermöglichen es uns heute, Texte mit erstaunlicher Genauigkeit und Geschwindigkeit zu übersetzen. Diese Innovationen bringen auch eine Reihe von Fragen und Herausforderungen mit sich. Wie wird sich die KI auf die traditionellen Übersetzungsmethoden auswirken? Welche ethischen und qualitativen Aspekte sollten bei der Verwendung von KI in Übersetzungen berücksichtigt werden? Diese und andere Fragen sind für das Verständnis der aktuellen und zukünftigen Entwicklung im Bereich der Übersetzungstechnologien von entscheidender Bedeutung. Antworten darauf gibt David Možnar, CFO der Übersetzungsagentur ZELENKA, die Mitglied des Tschechischen Verbands künstlicher Intelligenz ist. Das Interview bietet einen einzigartigen Einblick in die dynamische Welt der Übersetzung im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.

David, welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz momentan in der Übersetzungsbranche?

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz beschleunigt den Übersetzungsprozess erheblich und erhöht die Arbeitseffizienz, was zu Kostensenkungen führt. Wir nutzen vor allem die maschinelle Übersetzung auf Basis neuronaler Netze. Diese Technologie ermöglicht eine schnelle Übersetzung großer Textmengen mit relativer großer Genauigkeit. Künstliche Intelligenz ist jedoch nicht in der Lage, menschliche Übersetzer zu ersetzen. Diese spielen nämlich eine unverzichtbare Rolle, wenn es darum geht, den Kontext, die Besonderheiten, die Feinheiten und die Kreativität der Sprache zu bewahren. Künstliche Intelligenz ist daher, wie andere Übersetzungswerkzeuge auch, für die Übersetzer vielmehr ein Arbeitsinstrument und ein Hilfsmittel als ein Konkurrent.

Können Sie beschreiben, wie sich die Fähigkeiten und Kompetenzen professioneller Übersetzer mit dem Aufkommen großer Sprachmodelle verändert haben?

Ihre Haupttätigkeit ändert sich allmählich. Bei der Nutzung eines maschinellen Übersetzungssytems erstellen sie nicht mehr eine eigene neue Übersetzung, sondern führen ein so genanntes Post-Editing durch, d. h. die Nachbearbeitung einer maschinell erstellten Übersetzung. Übersetzer müssen in der Lage sein, die Ergebnisse der maschinellen Übersetzung kritisch zu bewerten und zu bearbeiten, um sicherzustellen, dass sie richtig, natürlich und verständlich sind.

Darüber hinaus müssen Übersetzer ihre sprachlichen und fachlichen Kenntnisse ständig weiterentwickeln, um terminologisch oder stilistisch anspruchsvolle Texte übersetzen zu können, die maschinelle Übersetzungen nicht in ausreichender Qualität bewältigen können. Und da sich Technologien in raschem Tempo weiterentwickeln, müssen die Übersetzer auch flexibel und anpassungsfähig sein, um auf Veränderungen und Anforderungen des Markts reagieren zu können.

Wie kann KI die Weiterbildung und Weiterentwicklung der Fähigkeiten von Übersetzern unterstützen?

Künstliche Intelligenz kann die Übersetzer in diesen Bereichen auf vielfältige Weise unterstützen, etwa durch Feedback, Hilfe, Empfehlungen oder Korrekturen, sowohl beim Lernen einer Sprache als auch beim Übersetzen.

Im Übersetzungsprozess kann die KI zum Beispiel auf solche Fehler hinweisen, die für den Menschen schwieriger zu erkennen sind, z. B. falsche Satzstrukturen in langen Sätzen oder Inkonsistenzen. KI kann auch das Recherchieren beschleunigen, das jeder gute Übersetzer bei seiner Arbeit vornimmt. Oft geht es zum Beispiel darum, spezifische Informationen zu finden, damit die Übersetzung dem Verwendungszweck, dem Zielpublikum, der Branche und auch den Realien des Zielgebiets (Landes) entspricht. Das ist mitunter sehr zeitaufwändig. Der Einsatz von KI kann hier somit sehr hilfreich sein.

Hilft KI in irgendeiner Weise bei der Erhaltung sprachlicher Nuancen und kultureller Kontexte in Übersetzungen oder scheitert sie auf diesem Gebiet?

Sprachmodelle werden anhand einer großen Menge von Daten trainiert, die verschiedene Sprachstile, Redewendungen, Stichwörter, Metaphern und weitere sprachliche Phänomene enthalten. Die maschinelle Übersetzung verbessert sich schrittweise in Bezug auf ihr Verständnis und die Wiedergabe von Sprachregeln, Strukturen, Wortschatz und Bedeutungen. Sie ist jedoch immer noch nicht in der Lage, die Feinheiten und Nuancen der Sprache, die oft von menschlicher Erfahrung, Emotion, Intuition und Kreativität abhängen, vollständig zu verstehen und auszudrücken. Die maschinelle Übersetzung garantiert auch nicht, dass die Texte fehlerfrei sind. Künstliche Intelligenz ist auf diesem Gebiet noch nicht weit genug und bedarf in jedem Fall der Kontrolle und Prüfung durch den Menschen.

Wo liegen die Grenzen der Verwendung von KI in sensiblen Bereichen wie juristischen oder medizinischen Übersetzungen?

Was den Schutz personenbezogener Daten und geistigen Eigentums angeht, die Verhinderung von Datenlecks und Missbrauch, so unterscheiden sich juristische oder medizinische Übersetzungen nicht von anderen Texten, die maschinell übersetzt werden. Eine hundertprozentige Sicherheit aller Daten muss stets gewährleistet sein. Das hat absolute Priorität. Auch bei der Frage der Qualitätsstandards und der Eignung dieser Texte für die Nutzung der maschinellen Übersetzung gibt es keinen Unterschied, denn auch hier wird Nachdruck auf hohe Genauigkeit, Klarheit und Konsistenz der übersetzten Texte gelegt. Im Allgemeinen kann man sagen, dass juristische Texte als hoch standardisierte Texte für die maschinelle Übersetzung geeignet sind. Bei medizinischen Texten kommt es auf die jeweilige Art des Dokuments an (z. B. Gebrauchsanweisungen für medizinische Geräte, klinische Studien oder Packungsbeilagen). Allgemein gesagt: terminologisch hoch anspruchsvolle Texte sind für den Einsatz von KI nicht geeignet.

Was sind die häufigsten Missverständnisse, die KI in Hinsicht auf die Übersetzungsbranche hervorruft, und wie gehen Sie damit um?

Das erste Missverständnis ist, dass KI in der Lage ist, menschliche Übersetzer vollständig zu ersetzen. Das stimmt nicht, denn die maschinelle Übersetzung bedarf immer noch der Kontrolle und des Eingriffs, damit Genauigkeit, Kontext und Nuancen der Sprache gewährleistet sind. Übersetzer spielen bei der Anpassung, Kreativität und Berücksichtigung des kulturellen Kontextes in den Übersetzungen nach wie vor eine wichtige Rolle.

Ein weiteres Beispiel ist die Behauptung, KI könne alles ohne Fehler übersetzen. Künstliche Intelligenz in Form der maschinellen Übersetzung steht immer noch vor einigen Herausforderungen, z. B. beim Erkennen von Ironie, Humor, Sarkasmus, Redewendungen, übertragenen Bedeutungen und anderen sprachlichen Phänomenen, die ein tieferes Verständnis erfordern. KI kann auch Probleme mit der Übersetzung ungewöhnlicher, technischer oder neuer Wörter haben. Texte ohne Kontinuität, z. B. UI-Texte (user interface), sind ein eigenes Kapitel. In diesen Fällen ist der Einsatz von MÜ (maschinellen Übersetzungen) völlig unpraktisch.

Ein weiterer Mythos ist, dass KI jede Sprache übersetzen kann. Ihre Fähigkeiten sind nämlich durch die Verfügbarkeit von Daten und Quellen für die jeweiligen Sprachen begrenzt. Einige Sprachen werden besser unterstützt als andere, einige Sprachpaare sind schwieriger als andere. KI kann auch Schwierigkeiten haben, Sprachen zu übersetzen, die sich in Syntax, Morphologie, Alphabet oder Schreibrichtung unterscheiden. 

Diese Missverständnisse lassen sich beseitigen, indem die Kunden über die Möglichkeiten und Einschränkungen der KI bei den Übersetzungsdienstleistungen fair informiert werden und indem ihnen professionelle maschinelle Übersetzungen angeboten werden, bei denen sowohl KI als auch menschliche Übersetzer zum Einsatz kommen, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

Was sind die größten Vorurteile gegen KI in der Übersetzungsbranche, und wie gehen Sie damit um?

Das größte Vorurteil ist die Vorstellung, dass KI eine Bedrohung für den Übersetzerberuf darstellt. In Wirklichkeit ist KI kein Konkurrent, sondern vielmehr ein Partner, der den Übersetzern helfen kann, Produktivität, Qualität und Effizienz ihrer Arbeit zu steigern und sich auf die komplexeren und kreativeren Aspekte der Übersetzung zu konzentrieren.

Eine weitere falsche Annahme ist, dass KI einfach und statisch ist. Das stimmt nicht, denn die auf neuronalen Netzen basierende maschinelle Übersetzung ist komplex und dynamisch. Sie entwickelt sich ständig weiter, lernt aus neuen Daten und Feedback. Eine professionelle maschinelle Übersetzung ist auch in der Lage, sich an die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen von Kunden und Nutzern anzupassen und personalisierte und innovative Lösungen anzubieten.

Um diese Irrtümer aus den Köpfen der Menschen zu bekommen, ist es notwendig, das Bewusstsein und das Vertrauen in die KI in der Übersetzungsbranche zu stärken. Es ist wichtig, ihre Vorteile und ihren Wert für Übersetzer, Kunden sowie die Gesellschaft aufzuzeigen. Dazu gehört zum Beispiel das Teilen erfolgreicher Anwendungsfälle, eine klare und faire Zusammenarbeit und die Förderung von Dialog und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Parteien.

Welche neuen Möglichkeiten eröffnet die KI für Übersetzungsagenturen wie ZELENKA?

Der Einsatz von KI ermöglicht es uns nicht nur, schnellere und kostengünstigere Übersetzungsdienstleistungen anzubieten, sondern auch deren Spektrum zu erweitern. So können wir den Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden aus verschiedenen Branchen und Regionen gerecht werden.

Die Qualität und Effizienz unserer Übersetzungsdienstleistungen werden durch den Einsatz der maschinellen Übersetzung auf Basis neuronaler Netze verbessert. 

Durch Automatisierung und Optimierung bestimmter Tätigkeiten und Prozesse wie Vorverarbeitung, Segmentierung, Extraktion von Terminologie, Qualitätskontrolle, Feedback, Projektmanagement und so weiter, können Zeit, Kosten und Personalressourcen eingespart werden.

Wettbewerbsfähigkeit und Innovation von Übersetzungsdienstleistungen werden gesteigert. Unsere Chance sehen wir darin, uns von der Konkurrenz zu unterscheiden, indem wir unseren Kunden und Übersetzern einen Mehrwert bieten.

Wie wirkt sich KI auf die Nachfrage nach menschlichen Übersetzern aus?

Einerseits sinkt die Nachfrage nach klassischen Übersetzern, da ein großer Teil der Übersetzungen maschinell erstellt wird. Andererseits steigt die Nachfrage nach Posteditoren, die die maschinell erstellten Übersetzungen nachbearbeiten. Dort, wo MÜ nicht verwendet werden kann, wie etwa bei der Übersetzung von terminologisch oder stilistisch sehr anspruchsvollen Texten, bleibt die Nachfrage nach den Übersetzern gleich. 

Wie sehen Sie die Zukunft der Übersetzungsdienstleistungen angesichts der Entwicklung der KI?

Die Zukunft der Übersetzungsdienstleistungen ist mit der Entwicklung der KI schwierig vorherzusagen, da sie von vielen Faktoren wie technologischem Fortschritt, Markttrends, kulturellen Veränderungen, politischen Entscheidungen, ethischen Fragen usw. abhängt. Unserer Ansicht nach wird sich die Entwicklung der KI auf die Übersetzungsbranche positiv und transformativ auswirken, was aber nicht bedeutet, dass künstliche Intelligenz menschliche Übersetzer ersetzen wird. Im Gegenteil: KI wird mit den menschlichen Übersetzern zusammenarbeiten und ihnen Unterstützung, Werkzeuge und Ressourcen zur Verfügung stellen, die ihnen helfen, ihre Arbeit, Produktivität, Qualität und Effizienz zu verbessern. Menschliche Übersetzer werden weiterhin eine unersetzliche Rolle spielen und sich mit den komplexeren, kreativeren und sensibleren Aspekten von Übersetzungen befassen oder mit Textsorten, für die der Einsatz maschineller Übersetzung nicht geeignet ist.

Willkommen

Damit Sie bequem alle Informationen zu unseren Sprachdienstleitungen finden, verwenden wir notwendige Cookies. Wenn Sie auch Marketing-Cookies zulassen, sehen Sie von Zeit zu Zeit unsere Werbung im Internet.

Mehr zum Thema Datenschutz finden Sie auf unserer Webseite